
Alumni in den Medien - Doris Birkhofer (IPBS 1997) ist CEO von Siemens France

ESB-Alumna Doris Birkhofer (IPBS 1997) ist seit dem 1. Oktober 2021 CEO von Siemens France. In ihrer Funktion als Präsidentin ist sie darüber hinaus verantwortlich für die BeLux-Staaten und einige nordafrikanische Länder. Zudem trägt sie seit 2019 die operative Verantwortung für den Siemens-Geschäftsbereich Smart Infrastructure.
Im Anschluss an ihren deutsch-französischen Doppelabschluss an der ESB war Doris Birkhofer für 7 Jahre als Beraterin und anschließend Projektleiterin bei Siemens Management Consulting tätig – zunächst am Standort in München und später in New York. Anschließend leitete Sie in der Abteilung Corporate Strategy von Siemens in Deutschland ein Team, das verschiedene Landesgesellschaften (u.a. in Südostasien, dem Mittleren Osten, Russland und Afrika) in der Entwicklung ihrer Wachstumsstrategien betreute. Danach hatte sie ihre erste operative Geschäftsverantwortung als Segmentleiterin im Healthcare-IT-Bereich. Im Jahr 2008 zog es Doris Birkhofer beruflich zurück nach Frankreich, wo sie unter anderem als Strategieleiterin und dann als Geschäftsführerin einer Tochtergesellschaft des französischen Unternehmens Verallia (vormals Teil von Saint Gobain) sowie als Landesleiterin des amerikanischen Unternehmens Arconic France tätig war. Seit 2018 ist Doris Birkhofer wieder bei Siemens, wo sie zunächst die Leitung des Geschäftsbereich Building Technologies für die Region Frankreich und Westeuropa übernahm.
Im Interview mit dem ESB Reutlingen e.V. erzählt uns Doris Birkhofer mehr über ihre Faszination für Technologie, ihr Studium an der ESB sowie über ihren Einsatz für mehr Diversität bei Siemens.
Im Laufe deiner Karriere bist du Siemens als Unternehmen immer nahe geblieben und hast dort bereits in unterschiedlichen Funktionen gearbeitet. Was reizt dich persönlich an deiner Tätigkeit bei Siemens und spezifisch an der Technologie-Branche?
Doris Birkhofer: Das Studium an der ESB war ein rein betriebswirtschaftliches Studium, ohne wirkliche Exposure zur Technik. Daher war es natürlich eine größere Herausforderung, als reine Betriebswirtin in einen Technologiekonzern zu kommen und dort seinen Platz zu finden.
Für mich ist Technologie der wesentliche Hebel für Innovation und wir brauchen Innovation, um die Herausforderungen unseres Planeten zu adressieren. Siemens wurde bereits 1847 gegründet und ist somit schon über 170 Jahre alt. Seit seiner Gründung verfolgt Siemens die Strategie, die großen Herausforderungen der Zeit mit Hilfe von Technologie zu lösen. Das fing mit Telekommunikation und Elektrifizierung an. Die zwei großen Herausforderungen, die wir aktuell adressieren, sind der Klimawandel und das Thema Digitalisierung im weitesten Sinne. Zum Beispiel geht es darum, wie man Wertschöpfungsketten mit Hilfe von Digitalisierung wettbewerbsfähig machen kann und wie man bestimmte Länder wieder stärker industrialisiert. Durch Covid mussten wir feststellen, wie wichtig es ist, bestimmte Ketten wieder zurück nach Europa zu bringen, um Notstände zu vermeiden. Um eine wettbewerbsfähige Industrie aufzubauen, braucht man insbesondere Technologie und Innovation.
Deswegen hat mich das Consumer Goods Business tatsächlich auch nie so fasziniert, da man dort gefühlt an „kleineren Rädern“ dreht. Dies ist im Technologie-getriebenen B2B-Bereich anders, insbesondere wenn dieser einen starken Bezug zu „Purpose“-getriebenen Themen, wie z.B. Klimaschutz hat. Aus meiner Sicht kann das auch ein wesentlicher Hebel sein, um mehr Mädchen und Frauen für Unternehmen wie Siemens zu begeistern. Dafür müssen wir in unserer Kommunikation, in unserem Employer Branding, aber auch noch stärker den Link zwischen Technologie und dem „impact on society“ darstellen.
Leider sind Frauen in Führungspersonen, insbesondere auch im Technologiebereich, noch immer eine Ausnahme. Wo siehst du persönlich denn die größten Herausforderungen für Frauen in Führungspositionen? Wie setzt du dich in deiner Position dafür ein, mehr Frauen und Mädchen für eine Karriere in der Technologiebranche zu begeistern?
Doris Birkhofer: Siemens steht wie alle großen Unternehmen vor der Herausforderung, mehr Diversity zu fördern. Wir müssen viel aggressiver werden, da es sonst viele Jahre dauern wird, bis wir Gleichheit erreicht haben. Unser Ziel ist es, weltweit bis 2025 30% Frauen in Top-Management-Positionen zu haben.
Aus meiner Sicht braucht man dafür eine kritische Masse an Frauen auf allen Ebenen in der Organisation. Früher hatte man vielleicht eine Frau in der Runde, um das Gewissen zu beruhigen und blieb ansonsten unter Männern. Es gibt auch Statistiken, die zeigen, dass man mindestens 30% Frauen haben muss, um wirklich einen Impact zu spüren. Denn was bringt es, wenn du eine Frau unter 10, 15 Männern bist?
Natürlich setze auch ich mich in meinem Verantwortungsbereich dafür ein. Ich habe in meinem Geschäftsbereich für die Regionalleitungen ganz bewusst versucht, Frauen zu finden. Man findet sie auch, aber muss eben oftmals länger und härter suchen. Und vor allem muss man auch mehr nach links und rechts schauen und bereit sein, Leute einzustellen, die vielleicht in dem Bereich noch keine Erfahrung haben. Man sollte viel mehr nach Potenzial einstellen und nicht nur danach, was die Person schon gemacht hat. Ansonsten ist es auch wichtig, alle Führungskräfte zu sensibilisieren und bei gleicher Qualifikation auf positive Diskriminierung zu setzen. Man muss darauf bestehen, dass für jede Stellenausschreibung auch mindestens ein CV einer Frau auf der Shortlist steht und eine Erklärung einfordern, warum es diese Frau letztlich nicht geworden ist.
Ich persönlich habe es nie als Hürde wahrgenommen, eine Frau zu sein. Ich würde fast eher das Gegenteil behaupten. Wenn ein Unternehmen einmal identifiziert hat, dass da jemand ist, der etwas kann und motiviert ist, sticht man als Frau mehr heraus und wird auch gefördert. Ich hatte aber auch das Glück, dass meine Chefs selbst immer Töchter im Studienalter hatten und wollten, dass ihre Töchter Erfolg haben. Deswegen hatte ich auch dort immer Förderer. Ich bin fest davon überzeugt, dass euch in eurer Generation alle Wege offenstehen. Meine Generation ist eine Art „Schanier-Generation“, da man einerseits noch die alten Rollenbilder hat, aber auch schon viele tolle Beispiele.
Wie würdest du deinen eigenen Führungsstil beschreiben?
Doris Birkhofer: Ich bin sehr auf Team fokussiert, was sicher auch mit meiner Siemens-Erfahrung zu tun hat. Insbesondere wenn man als Nicht-Techniker in einem technischen Umfeld arbeitet, muss man sich auf die Leute um sich herum verlassen können. Ich hatte zum Beispiel mit 29 meine erste große Führungsverantwortung und habe ein Team von 100 Leuten geleitet, welches hauptsächlich aus männlichen Ingenieuren im „besten Alter“ bestand.
Wenn ich in eine Organisation komme und leite, ist der wesentliche Faktor für mich immer das Team. Habe ich dort Leute, denen ich vertrauen kann? Sind dort Leute, die komplementäre Erfahrungen haben? Es geht hierbei um Diversity im weitesten Sinne – also um Geschlecht, Nationalität, Kompetenz und alle anderen Kriterien, die Diversität ausmachen. Das macht ein Team stark.
Ansonsten bin ich sehr hierarchielos in meinen Interaktionen, offen und zugänglich – aber immer mit klarer Vision und Vorgaben, und sicherlich auch fordernd und fördernd.
Was hast du persönlich aus deiner Zeit an der ESB mitgenommen?
Doris Birkhofer: Mein Studium hat mir die Welt eröffnet. Ich komme aus einem behüteten Kleinstadtumfeld und hatte auch kein Familienumfeld, in dem man ständig um die Welt gereist wäre oder Eltern mit verschiedenen Nationalitäten.
Erst an der ESB habe ich wirklich die Vielfalt der Welt entdeckt – die ja sogar noch viel größer ist, als das was man an der ESB findet. Mein Studium hat sicherlich auch mein Verständnis für Vielfältigkeit, Weltoffenheit und Komplexität geprägt und mir geholfen, mit kulturellen Herausforderungen umzugehen.
Gibt es einen Karriere-Tipp, der dir selbst auf deinem bisherigen Werdegang geholfen hat und den du an unsere ESB-Studierenden weitergeben würdest?
Doris Birkhofer: Ein Spruch, den mir damals einer meiner ersten Chefs mit auf den Weg gab, lautet: „Love it, change it, or leave it!“
Du musst dein Job mögen – was nicht heißen soll, dass man jeden Tag enthusiastisch sein muss. Es gibt immer auch Frustmomente und Dinge, die man einfach mal hinnehmen muss. Aber wenn es wirklich Dinge gibt, die dich strukturell stören, dann change it! Gib dich nicht einfach damit zufrieden, sondern versuche sie zu verändern. Und wenn es zu viele Dinge gibt, die außerhalb deiner Kontrolle sind und mit denen Du nicht glücklich bist, just leave it! Wir sind nicht gefangen in unseren Jobs und es gibt immer andere Opportunities.
Wenn du das Gefühl hast, dich in deinem Umfeld nicht entfalten und deine persönlichen Ziele nicht erreichen zu können – dann such‘ dir ein neues Umfeld!
Wir gratulieren Dir herzlich zu Deiner neuen Position, Doris, und wünschen Dir alles Gute und viel Erfolg bei deinen neuen Aufgaben!
