Best of Europolitan - Vom BWL-Studium zum grünen Job in der Bauindustrie

"Nachhaltigkeit – ein Buzzword und ein Verkaufsargument auf der politischen Agenda und freitags auf den Straßen der Welt. Mich hat das Thema Nachhaltigkeit schon sehr früh beschäftigt und begleitet, Nachhaltigkeit war und ist mein beruflicher Wegweiser. Es war nicht einfach, einen wirklich ‚grünen‘ Job zu finden – was ich dabei gelernt habe und wie ich letztendlich mein Ziel erreicht habe, das möchte ich in diesem Artikel mit euch teilen."

ESB-Alumna Janine Gölz (IMDD 2015) arbeitet seit Januar 2020 bei der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen als Beraterin und Projektleiterin für den DGNB-Navigator.

 

Dies ist ein Auszug aus unserem Vereinsmagazin, den gesamten Artikel findest Du im Europolitan 2/2021 (Login nötig).

 

Erasmus Mundus Joint Master in Sustainable Territorial Development

Fangen wir also von vorne an. Nach meinem IMDD-Abschluss an der ESB Business School und der ICADE war klar: ich hatte Lust auf etwas ganz anderes – ein interdisziplinärer Master-Studiengang sollte es sein. Entweder in Richtung Nachhaltigkeit oder Entwicklungszusammenarbeit – ich beschloss, mich noch nicht entscheiden zu wollen und studierte eine Kombination von beidem: Nachhaltige Entwicklung (SteDe - Sustainable Territorial Development). Es folgte mein Erasmus Mundus-Master, ein Joint Master-Programm, bei dem die Europäische Kommission die Schirmherrschaft übernimmt und Universitäten dabei unterstützt, ein abgestimmtes Master-Programm anzubieten. Ich studierte mein erstes Semester an der Universität in Padua mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit. Mein zweites Semester verbrachte ich an der KU (Katholieke Universteit) in Leuven mit dem Fokus Humangeographie, mein drittes Semester an der Sorbonne in Paris mit dem Fokus nachhaltiges Wirtschaften und mein viertes Semester, inklusive eines Praktikums bei einer NGO, an der UCDB (Universidade Católica Dom Bosco) in Campo Grande, Brasilien. Dieses Studium öffnete mir die Türen in eine ganz neue Welt. Ich studierte MIT 26 KommilitonInnen AUS 15 verschiedenen Ländern IN 4 unterschiedlichen Ländern IN 3 anderen Sprachen und alle brachten unterschiedliche Bachelor-Abschlüsse oder gar jahrelange Berufserfahrung mit. In unseren Vorlesungen diskutierten täglich IngenieurInnen mit VWLerInnen, BWLerInnen mit GeographInnen und ÖkologInnen mit StadtplanerInnen. Ich war umgeben von vielen IdealistInnen und ganz im Stillen war ich sehr dankbar für die Portion Realismus, die mir im Studium an der ESB und der ICADE mitgegeben worden war. Das wirtschaftliche Denken und Handeln lässt mich nicht mehr los und ist mir ein wichtiger Begleiter – ich lebe und arbeite ganz nach dem Motto: Business as a driver for good.

Nachdem ich also die Szenarien studiert hatte, die Vorhersagen darüber errechnen, was mit unserem Planeten passieren wird, wenn wir die Klimaziele nicht erreichen und welche sozialen Folgen daraus erwachsen werden, dass es aber auch viel Potential gibt, die Dinge anders zu denken und zu machen – danach gab es kein Zurück mehr für mich. Spätestens nach meinem Master-Abschluss war klar, ich möchte meine Zeit darin investieren, die Welt ein Stückchen grüner zu machen.

 

Karriereeinstieg im Bereich Nachhaltigkeit – meine Learnings

Nach meinem Master-Abschluss Ende 2017 und nach insgesamt sechs Jahren im Ausland wollte ich eigentlich zurück nach Deutschland. Mit meinem ersten Job wieder in der Heimat Fuß fassen, so stellte ich mir das vor. Was ich dabei allerdings unterschätzt hatte, war die Wichtigkeit meines (in Deutschland nicht vorhandenen) Netzwerks. Da ich meinen Master nicht an einer deutschen Universität absolviert hatte, kannte ich auch keine deutschen ProfessorInnen mit bestehendem Netzwerk, ich hatte keinen deutschen KommilitonInnen im Master-Studium kennengelernt und war überraschenderweise auch die erste Deutsche, die diesen noch jungen Master überhaupt absolviert hatte. Außerdem kannte ich die deutsche Nachhaltigkeitslandschaft überhaupt nicht. Also recherchierte ich lange und ausgiebig und bewarb mich – erfolglos. Hier also mein erstes Learning: ein Netzwerk ist Gold wert! Mein Netzwerk führte mich für meinen ersten Job zurück nach Paris und nicht wie geplant nach Deutschland. Ich arbeitete zum Thema Kreislaufwirtschaft bei dem Start-up make_sense in Paris. Ich zweifelte am Impact meines Jobs und hatte nicht den Eindruck, dass meine Zeit und Mühen wirklich richtig investiert waren. Ich arbeitete an der Umsetzung eines kleinen Nachhaltigkeits-Projekts für den Großkonzern Suez – mein Eindruck davon war eher: Greenwashing. Hier also mein zweites Learning: Vieles wird inzwischen als grün und nachhaltig verkauft, aber der Teufel steckt im Detail. Ob Zeit und Mühen wirklich gut investiert sind, kann man am Ende nur für sich selbst beantworten. Viele als nachhaltige Innovationen deklarierte Ideen sind nicht zu Ende gedacht, oder sie verfehlen die Wirkung. Man muss schon sehr genau hinschauen.

Es folgte ein erneuter Bewerbungsmarathon und in diesem Zuge mein drittes Learning: Vorurteile! Die Arbeitgeber der Jobs mit Impact waren ab und an skeptisch, dass sich eine BWLerin zu ihnen verirrte. Die Vorurteile über die Erwartungen einer BWL-Abolventin passen nicht immer in die idealistische und grüne Welt der PersonalerInnen in dem Bereich: steile Karriere, große Titel, viel Geld – keine Parameter, die der Nachhaltigkeitsbranche bisher zugeordnet werden können.

Nach meinem Bewerbungsprozess leiteten sich noch zwei weitere Lessons Learned ab: Zum einen werden in der Nachhaltigkeitsbranche oft ExpertInnen gesucht, BWLerInnen sind dagegen eher GeneralistInnen. Man sollte sich daher so früh wie möglich die nötige Expertise in Form von Berufserfahrung, Weiterbildungen oder sehr spezifischen Master-Programmen aneignen. Außerdem ist zwar Nachhaltigkeit ein Buzzword und rückt in allen Branchen immer mehr in den Fokus, allerdings wird noch ungern Geld dafür ausgegeben. Nur in wenigen Unternehmen gehört die Nachhaltigkeit zur DNA und verdient daher eine eigene Abteilung. Oft gibt es eineN oder einige wenige MitarbeiterInnen, welche bereits im Unternehmen arbeiten und sich für das Thema stark machen. Stellen werden daher vor allem intern besetzt. Die Nachfrage nach grünen Jobs ist deutlich höher als das Angebot.

Mein letztes Learning erhielt ich in meinem aktuellen Job. Genau wie in meinem Master arbeite ich wieder in einem sehr interdisziplinären Umfeld – an der Schnittstelle zwischen Baubranche und Nachhaltigkeit. Meine KollegInnen sind zum Großteil ArchitektInnen, RaumplanerInnen oder BauingenieurInnen. Sie bringen also ein ganz anderes Hintergrundwissen mit und vor allem eine andere Mentalität und Arbeitsweise. Das kann herausfordernd sein und es birgt Konfliktpotenzial. In unserem BWL-Studium werden wir sensibilisiert und ausgebildet zu Themen wie Leadership, Prozessoptimierung, unternehmerisches Denken und Handeln – das sind keine selbstverständlichen Skills und sie gehören, wie ich gelernt habe, zu unseren größten und wichtigsten Stärken – vor allem in branchenfremden Jobs.

 

Warum die Baubranche?

Seit Januar 2020 arbeite ich nun in der Baubranche zum Thema Nachhaltigkeit und habe den für mich richtigen Hebel gefunden, um die Welt ein bisschen grüner zu machen. Die Baubranche ist der Klimakiller schlechthin. In Europa ist der Bau- und Gebäudesektor verantwortlich für die Hälfte des Ressourcen- und Energieverbrauchs, 1/3 des Wasserverbrauchs und 1/3 des Abfallaufkommens. Ein kleiner Schritt in also Richtung mehr Nachhaltigkeit in der Baubranche bedeutet einen großen Schritt für eine grünere Welt. In diesem Bereich ist die Hebelwirkung riesig, und genau danach habe ich gesucht.

 

Mein Arbeitgeber – die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen

Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (kurz DGNB) ist Europas größtes Netzwerk für nachhaltiges Bauen. Als Verein bringt die DGNB alle wichtigen Stakeholder der Branche zusammen, um Impulse für eine nachhaltigere Bauindustrie aus Sicht der Wirtschaft, der Politik und der Gesellschaft zu setzen. Mit lokalen Partnern in Dänemark, Spanien, der Schweiz und Österreich werden nicht nur Impulse auf Bundesebene gesetzt, sondern auch nach Europa gesendet.

 

Danke für Deinen persönlichen Bericht liebe Janine

 

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