Best of Europolitan - Wir tragen Verantwortung und können es uns nicht leisten, nichts zu tun

Alumna Cornelia Ernst (MSc International Economics & Textiles Technology 2018, Hochschule Reutlingen) kommt aus Ulm und hat Wirtschafts- und Steuerrecht an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg studiert sowie anschließend Textilingenieurwesen und Internationale Betriebswirtschaftslehre in Reutlingen. Während des Studiums hat sie sich im ESB Student Consulting engagiert, seit vier Jahren lebt sie in München und ist fast immer beim ESB-Stammtisch in München mit dabei. Conny schreibt über kleine Schritte im Studium, den Blick in andere Fachbereiche und eine große Motivation – Nachhaltiger Leben.

Dies ist ein Auszug aus unserem Vereinsmagazin, den gesamten Artikel findest Du im Europolitan 2/2021 (Login nötig).

Ausbildung für einen sicheren Job: Bachelor-Studium im Wirtschafts- und Steuerrecht

Alles begann mit meinem dualen Bachelor-Studium im Wirtschafts- und Steuerrecht. Das Studieren der sich regelmäßig ändernden Gesetze, Richtlinien und Erlasse und die anschließende Anwendung in einer Behörde empfand ich als langfristig nicht erfüllende Tätigkeit. Die Alternative, als Steuerberaterin in die freie Wirtschaft zu wechseln, erschien zwar lukrativ, ich fand sie für mich aber nicht erstrebenswert. Entgegen vieler Empfehlungen kehrte ich dem Beamtenstatus den Rücken.

Work & Travel in wirtschaftlich schwierigen Zeiten – schafft das Klarheit?

Ein einjähriger Aufenthalt in Barcelona sollte Abstand zu der anstrengenden Zeit und – vor allen Dingen – Klarheit schaffen. Der Zeitpunkt hätte kaum schlechter gewählt sein können: im Jahr 2012 steckte Spanien mit einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent wirtschaftlich in einer schweren Krise und das sogar in Metropolen wie Barcelona. Zudem hatte ich mit einem Abschluss im deutschen Wirtschafts- und Steuerrecht sowie fehlenden Spanischkenntnissen nicht die besten Voraussetzungen für den katalanischen Arbeitsmarkt. Nach über 200 Bewerbungen in verschiedenen Bereichen wurde ich in einem Hostel fündig, lernte Spanisch und begann, das Leben wieder mit mehr Leichtigkeit zu nehmen. Während dieser unfassbar schönen Zeit hatte ich das Gefühl, dass Geld und Konsum zumindest für die Menschen, mit denen ich Kontakt hatte, nicht im Fokus stehen. Ich erlebte, wie unwichtig es ist, was man beruflich macht und wie viel man verdient. Es ging viel mehr darum, die freie Zeit zusammen zu verbringen, aktiv zu sein und das Leben zu genießen. Natürlich gibt es auch in Barcelona viel Konsum sowie unzählige Einkaufsmöglichkeiten, aber ebenso eine Vielzahl an Second Hand-Läden und Antiquitätenmärkten. In jedem Stadtviertel stellen die Leute an bestimmten Wochentagen nicht mehr gebrauchte Gegenstände vor die Tür, sodass man diese einfach mitnehmen und weiternutzen kann – ohne dass dies negative Assoziationen weckt.

Ein weiteres Studium – neue Erkenntnisse und wieder nicht „der klassische Weg“

Nach diesen Eindrücken entschloss ich mich dazu, nochmal einen Bachelor zu absolvieren. So kam ich für das Studium der Textil- und Bekleidungstechnologie in Kombination mit Internationaler Betriebswirtschaftslehre ins beschauliche Reutlingen. Während des Studiums und insbesondere im Praxissemester bei einem Textilzulieferer mit eigenen CSR-konformen Produktionsstätten in Bangladesch wurde mir zunehmend bewusst, wie umweltschädlich die Bekleidungsbranche wirtschaftet und wie verheerend sich unser Konsumverhalten entwickelt hat. Wir konsumieren heute doppelt so viel Kleidung wie vor 15 Jahren – Tendenz steigend. Allein die Herstellung von Bekleidung und Schuhen verursacht jedes Jahr weltweit 1,2 Milliarden Tonnen CO2 und somit mehr als die gesamte globale Luft- und Schifffahrt zusammen. Zudem werden bei der Veredlung (Bleichen, Färben, Bedrucken) 6.500 verschiedene Chemikalien in großen Mengen eingesetzt – pro Kilogramm Kleidung wird rund ein Kilogramm Chemikalien verwendet. Nach diesem tiefen Einblick in die Textilbranche habe ich mein Verhalten geändert: Ich kaufe deutlich weniger und möglichst Second Hand, vor allem qualitativ hochwertige und mehr klassische Basics anstelle von Trendartikeln. Zudem verkaufe ich meine Kleidung weiter. Dies ist zwar manchmal aufwendig und mühselig – aber es ist meiner Meinung nach die Zeit wert, stärkt das Bewusstsein und schützt dadurch vor dem nächsten überflüssigen Impulskauf.

Nicht die Augen verschließen

Natürlich ist es manchmal anstrengend, sich ständig mit Klimawandel, Wasserknappheit, Artensterben, Plastikmüll, Überfischung und weiteren Umweltproblemen auseinanderzusetzen. Dennoch liegt es als MitverursacherInnen in unserer Verantwortung, sich der Lage bewusst und möglichst aktiv zu werden. Wir dürfen nicht einfach die Augen verschließen und können es uns nicht leisten, weiterhin nichts zu tun. Wir sind es unseren Mitmenschen, zukünftigen Generationen, den Tieren und der Umwelt schuldig und sollten einsehen, dass es in der Wirtschaft nicht mehr allein um immer weiter, immer kostengünstiger und effizienter gehen kann. Wir haben die Grenze der Ressourcenausbeutung aufgrund des Profits und zulasten der Umwelt bereits deutlich überschritten. Wir sollten unseren Blickwinkel ändern und die Herausforderung zum nachhaltigen Wandel nicht als Verzicht sehen – ein Verzicht auf Reisen, Fleisch, Kleidung, Einfamilienhäuser etc. –, sondern das große Ganze betrachten. Wir werden uns an die Umstellung gewöhnen, können Teil von etwas wirklich Essenziellem sein und dabei in den Hintergrund gerückte Werte wie Zusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl stärken.

Vielen Dank für Deine spannenden Einblicke, Conny!

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