Best of Europolitan - Spenden-Ultra-Marathon im Winter

Alumnus Christoph Meyers (IPBS 2005) wechselte nach ein paar Jahren in der Beratung bei Deloitte in die Industrie. Von 2015 bis 2017 war er mit seiner Frau Carmen Dörsch in Brasilien, wo er als Finanzleiter für die NGO Monte Azul gearbeitet hat. Seit seiner Rückkehr ist er als Director M&A/Business Development bei Freudenberg in Weinheim beschäftigt. Neben dem Ausdauersport ist Christoph begeisterter Fotograf und engagiert sich als Schriftführer ehrenamtlich für den Verein Monte Azul International e. V.

Für den Europolitan berichtet Christoph anschaulich über seinen ersten 100 Kilometer-Lauf, den er als Charity-Run organisiert hat.

Visual Best of Europolitan Spenden Marathon

Die Idee 

Als begeisterter Ausdauersportler war ein 100 km-Lauf schon immer ein kleiner Traum von mir, der bisher unerreichbar schien. Doch dieses außergewöhnliche Jahr 2020 war wie gemacht für neue Abenteuer. Als Ausgleich zum Homeoffice habe ich mit meiner Frau und Freunden während des ganzen Jahres lange Radausfahrten gemacht und auch immer wieder ein paar längere Laufeinheiten integriert. Die dadurch gewonnene Grundausdauer konnte ich aber leider nicht wie geplant beim Ironman in Kopenhagen nutzen. Daher kam mir im Oktober die Idee, meine Sportleidenschaft mit einem sinnvollen Projekt zu verbinden – und so entstand der 100 KM in 24 Stunden-Spendenlauf, bei dem ich mir das Ziel setzte, 5.050 Euro einzusammeln.

Das konkrete Spendenprojekt war schnell gefunden. Ich lebte von 2015 bis 2017 in Sao Paulo und arbeitete dort für die Associação Comunitária Monte Azul als Finanzleiter. Die Organisation (von Ute Crämer in den 1970er Jahren gegründet) betreibt in den Armenvierteln von Sao Paulo Krankenhäuser, Kindergärten und kulturelle Einrichtungen. Heute sind dort knapp 2.000 Personen beschäftigt – der Großteil der Projekte wird von Stiftungen und privaten Spendern finanziert. In Zeiten von COVID-19 braucht insbesondere das Gesundheitszentrum vor Ort finanzielle Unterstützung.

 

Die Vorbereitung 

[...] Ich bin schon öfter Marathons gelaufen – aber 100 km sind dann doch etwas anderes. Um noch sechs Wochen Zeit für die spezifische Vorbereitung zu haben, wählte ich den 19. Dezember als Tag X. In dieser Zeit steigerte ich meine Laufumfänge und lief auch einen Marathon. Neu war für mich, mit einem Verpflegungsrucksack zu laufen. [...] Hinzu kam ein tägliches funktionales Langhantel-Training, um die Bein- und Rumpfmuskulatur zu stärken. 

Das Schlimmste für mich in der Vorbereitung war jedoch die Kälte – nach drei Jahren in Brasilien habe ich mich noch immer nicht an Temperaturen unter 8° C gewöhnt. [...] Um dies zu überwinden, ging ich vor der Arbeit um 5 oder 6 Uhr laufen, gerne auch bei Regen – und danach ging es unter die eiskalte Dusche. Zumindest mental hat das sehr geholfen. 
Neben der körperlichen und mentalen Vorbereitung kam dann noch die logistische hinzu. Ich suchte mir eine landschaftlich schöne Strecke aus, die ich vorab auch mit dem Rad abfuhr. Startpunkt war Mannheim. Von dort ging es durch Ludwigshafener Industriecharme entlang der Deutschen Weinstraße über Freinsheim und Bad Dürkheim nach Neustadt. Durch Wälder und am Rhein entlang sollte der Rückweg dann über Speyer an den Mannheimer Wasserturm zurückführen. [...]

Trotz der kurzen Vorbereitungsphase glaubte ich weiterhin an das Unterfangen – bis eine Woche vor dem Lauf aufgrund der Corona-Pandemie für Baden-Württemberg eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 20h und 5h verhängt wurde. Das reduzierte die für den Lauf mögliche maximale Zeit von 24 auf 15 Stunden. 15 Stunden waren auf Basis meiner Planung zwar nicht unrealistisch, aber es war doch ein zusätzlicher Stressfaktor. Ein Zurück gab es nun aber nicht mehr – auch weil die Spendenaktion schon publiziert war.
 

Der Lauf 

Am 19. Dezember ging es dann pünktlich um 5 Uhr los – bei 2° C. Ich versuchte mich auf mein geplantes Tempo zu fokussieren (10 km/h für die ersten 50 km), meine Verpflegung nicht zu vergessen (alle 10 km ein Nutella-Sandwich) und genoss die Stille der Stadt und der Weinberge. Nach knapp 2,5 Stunden traf ich dann bei wunderschönem Sonnenaufgang über der Rheineben auf meine erste Begleitung. Das gab Extra-Energie – es sollte an diesem Tag nicht regnen und die Temperaturen stiegen auf 8° C. Die erste Hälfte lief erstaunlich gut und so traf ich um kurz vor 10 Uhr (ca. 50 km) auf meine mobile Support-Crew in Neustadt. Da hieß es dann Akkus aufladen, Beine massieren und Kleidung wechseln, bevor es durch den Haßlocher Wald ging. Für die zweite Hälfte der Strecke hatte ich mir vorgenommen, alle 5 km zu essen (Riegel, Gels) und noch mehr Wasser zu trinken – aus eigener Erfahrung wusste ich, dass man sich aus einer Unterernährung und Dehydrierung nur sehr schwer erholen kann. Das würde bei dieser Distanz sehr wahrscheinlich zum Abbruch führen. Nach der Pause schmerzten meine Oberschenkel extrem, so dass ich Schwierigkeiten hatte, wieder in einen runden Laufschritt zu kommen. 

Der Waldlauf bis nach Speyer war dann sehr monoton und mental herausfordernd. Erste mentale Auflösungserscheinungen zeigten sich ab Kilometer 70, aber mein Begleiter konnte mich immer wieder zum Weiterlaufen motivieren (und nicht in Schritttempo zu verfallen), so dass ich abgekämpft die nächste Verpflegungspause am Speyrer Dom nutzte, um mich mit allerlei Süßgetränken und Gelen zu versorgen. Und siehe da … bis Kilometer 87 lief alles nach Plan und wieder etwas entspannter. Die nächsten 5 km sollten jedoch als die schlimmsten Tageskilometer in die Annalen eingehen! [...] Mein Körper wollte eigentlich nicht mehr weiterlaufen, aber der Gedanke an Brasilien und den Sinn der Aktion half mir durch diese Tiefen. Eine weitere Verpflegungspause bei Kilometer 90 gab mir noch einmal einen unerwarteten Energieschub – ich weiß bis heute nicht, ob es das Red Bull oder die Tomatensuppe war, aber die letzten 10 Kilometer liefen sich im totalen Flow – die letzten 3 Kilometer waren sogar die schnellsten des Tages. 

Überglücklich erreichte ich dann nach einer Nettozeit-Laufzeit von 10:48h um 17:38 h den Mannheimer Wasserturm, wo Familie und Freunde auf mich warteten (komisch war bloß, dass ich nur meine Frau umarmen konnte und keine weiteren Personen). Es war für mich persönlich ein unvergesslicher Tag mit Höhen und Tiefen – die Motivation durch den Lauf auf die Organisation Monte Azul aufmerksam zu machen hat mich zum Glück zum Durchhalten motiviert. Ohne den Support an der Strecke von Freunden und Familie wäre das Ergebnis in dieser Form nicht möglich gewesen – dafür bin ich im Nachhinein unglaublich dankbar. 
 

Das Resultat 

Schlussendlich konnten wir durch den Lauf knapp 7.500 Euro von 100 Spendern einnehmen und an das Gesundheitszentrum von Monte Azul nach Brasilien überweisen. Durch den gespendeten Betrag können dieses Jahr ca. 120 Behandlungen u. a. in den Bereichen Allgemeinmedizin, Psychiatrie und Pädiatrie geleistet und medizinische Materialien wie Masken, Handschuhe und Kompressen angeschafft werden.

Weitere Informationen zur Associação Comunitária Monte Azul findet ihr hier

Danke für Deinen persönlichen Bericht lieber Christoph und Respekt für Deine Leistung!

 

 

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