Best of Europolitan - Chancengleichheit in der Bildung fördern

05 Feb 2021

Von 100 jungen Menschen aus Nicht-Akademikerhaushalten beginnen nur 27 mit einem Studium. Haben die Eltern einen Hochschulabschluss, sind es 79. Doch auch während des Studiums haben es Jugendliche aus bildungsfernen Haushalten schwerer. ESB-Alumnus Senik Nikoyan (MIM 2016) gibt uns einen persönlichen Einblick, mit welchen Herausforderungen er zu kämpfen hatte und wie er der nächsten Generation mit einer ehrenamtlichen Initiative Hilfe anbietet.

For every 100 young people from non-academic households, only 27 start university. If their parents have a university degree, the figure is 79. But even during their studies, young people from educationally disadvantaged households have a harder time. ESB alumnus Senik Nikoyan (MIM 2016) gives us a personal insight into the challenges he faced and how he offers help to the next generation with a volunteer initiative.

Willkommen auf der Hauptschule – in einem Anzug

Mit zwölf Jahren bin ich mit meinen Eltern aus der Ukraine nach Deutschland gezogen. Wegen mangelnder Deutschkenntnisse wurde ich zwei Klassenstufen zurückgestuft und der Hauptschule zugewiesen. 

Meine Mutter hat mich gebeten, am ersten Tag an der neuen Schule einen Anzug anzuziehen. „Der Lehrer wird stolz auf dich sein“, sagte sie. Ich versuchte ihr zu erklären, dass wir jetzt in Europa leben und die Kids Jeans mit Sneakers tragen und keinen Anzug. Enttäuschen wollte ich sie natürlich auch nicht, und da stand ich dann an meinem ersten Tag auf dem Schulhof – in Hemd und Anzug. Nach einer Weile ist eine Gruppe Jugendlicher auf mich zugekommen und hat mich angesprochen. Ich habe natürlich kein Wort verstanden und konnte auch nicht antworten. Sie haben mein Schweigen als Arroganz interpretiert – und zudem noch der Anzug? Es kam zu einer Schlägerei.

Innerhalb von zwei Jahren konnte ich meine Deutschkenntnisse so weit verbessern, dass ein eigenständiges Lernen in den anderen Fächern möglich war. Mit der Zeichentrickserie „Aladdin“ habe ich Deutsch gelernt. Ich kannte jede Folge auf Russisch auswendig und konnte so die deutsche Version besser verstehen. Dennoch bin ich in der achten Klasse beinahe sitzengeblieben, denn mir fehlte die Perspektive. Mein Umfeld hat leider auch nicht dazu beigetragen, einen Fokus auf Schulbildung zu setzen. Freunde übten im Deutschunterricht, Hartz IV-Formulare auszufüllen, als sei man als Hauptschüler nur dafür prädestiniert.

Der Sprung aufs Gymnasium

Mir wurde klar, dass ich da raus muss und meine einzige Möglichkeit war es, Gas zu geben. Das bedeutete nicht nur sich hinzusetzen und eigenständig zu lernen, sondern auch einige Freundschaften zu beenden und meinem Ziel treu zu bleiben. Ich schloss die zehnte Klasse als Jahrgangsbester ab und erhielt eine Empfehlung für das Gymnasium. Ich konnte es kaum fassen, endlich dieses Empfehlungsschreiben in meinen Händen zu halten.

Der Sprung von der Hauptschule auf die 11. Klasse des Gymnasiums bedeutete eine enorme Herausforderung! Man muss sich vorstellen, dass ich bis zur 10. Klasse im Deutschunterricht Diktate geschrieben habe, von einer Gedichtanalyse oder gar das Wort Interpretation hatte ich noch nie etwas gehört – geschweige denn jemals ein Buch gelesen. In der 11. Klasse habe ich mich gefragt, ob ich es wirklich schaffen werde, Abitur zu machen – oder ob ich an meine Grenze gekommen bin. In der 12. Klasse habe ich mich nur noch gefragt, wie gut mein Notenschnitt sein muss, damit ich eine möglichst breite Auswahl verschiedener Studienrichtungen habe. 

Das Studium – ich hätte mir einen Mentor gewünscht

Ich habe mich letztlich für das BWL-Studium entschieden, weil ich das Gefühl hatte, man kann in der freien Wirtschaft mehr verdienen und mit Geld in dieser Welt mehr bewegen. Die Frage nach der Studienfinanzierung hat sich natürlich sofort gestellt, denn mit finanzieller Unterstützung von zu Hause konnte ich nicht rechnen und musste die Angelegenheit selbst in die Hand nehmen.

Neben BAföG, Studienkredit und Jobben gab es noch die Möglichkeit, sich auf ein Stipendium zu bewerben. Nachdem ich die Voraussetzungen für die Bewerbung auf Stipendien der verschiedenen Stiftungen durchgelesen hatte, war ich mehr eingeschüchtert als motiviert. Ich entschied mich für BAföG, Jobben und ein Zimmer im Studentenwohnheim, um sowohl die Einnahmen als auch die Ausgaben zu optimieren.

Mit meinen Nebenjobs als Kellner, Callcenter-Agent, Kurier oder im Einzelhandel konnte ich zwar Geld verdienen, aber meinem Lebenslauf hat es nicht wirklich geholfen. Wenn man sich für ein Praktikum bewirbt, wäre es von Vorteil, vorher praxisrelevante Erfahrung gesammelt zu haben. Daher beschloss ich, die Nebentätigkeiten zu reduzieren – Nebentätigkeiten, die gutes Geld brachten – und mich stattdessen an der Uni für Praxisprojekte mit Unternehmen und eine Werkstudententätigkeit zu bewerben.

Master-Studium oder Berufseinstieg?

Nach dem Bachelor-Abschluss stellte sich dann die Frage: Master-Studium oder Berufseinstieg? Bringt der Master wirklich etwas? Oder sollte ich nicht lieber gleich Geld verdienen? Hat man später in seiner Karriere Nachteile, wenn man keinen Master-Abschluss hat? Und wie bitte finanziere ich das?

Ich habe mich für den Master entschieden. Da zusätzlich zu den Studiengebühren die Lebenshaltungskosten bei Auslandsaufenthalten recht hoch sind, habe ich zwischen Bachelor-Abschluss und Beginn des Master-Programms ein Jahr lang gearbeitet, um Geld zu sparen. Mit meinem Bachelor-Abschluss bin ich in den Einzelhandel zurückgekehrt, da mir diese Stelle flexible Arbeitszeiten geboten hat, sodass ich nebenbei die Initiative „Studis helfen Kids“ in Kooperation mit dem Deutschen Roten Kreuz gründen konnte. Eine Initiative, die Flüchtlingskinder bei der Integration unterstützt. Studenten haben auf ehrenamtlicher Basis den Kindern Deutsch beigebracht, um eigenständiges Lernen zu ermöglichen und sie bei den Hausaufgaben betreut.

Die Ließem-Stiftung ist durch die Studis helfen Kids-Initiative auf mich aufmerksam geworden und bot mir an, die kompletten Studiengebühren für mein Master-Studium zu übernehmen. Ich konnte es kaum fassen und hatte das Gefühl, das Glück ist auf meiner Seite.

Mit Speed Up, Buddy! Chancengleichheit in der Bildung fördern

Wie man an meiner Geschichte sieht, ist der Weg als erster Akademiker in der Familie nicht leicht – und mit einem Migrationshintergrund kommen noch ganz andere Herausforderungen hinzu. Daher habe ich Speed Up, Buddy! gegründet – eine ehrenamtliche Initiative, die ErstakademikerInnen mit und ohne Migrationshintergrund ein kostenloses 1:1-Mentoring vom Studienbeginn bis zum erfolgreichen Karrierestart anbietet. Einen regelmäßiger Austausch mit einer erfahrenen Person, den ich mir damals im Studium gewünscht hätte – genau das möchte ich den Studierenden der nächsten Generation anbieten, damit sie es ein wenig leichter haben.

Bereits 100 Tage nach dem Launch haben wir 220+ Mentoren und 120+ Mentees, decken 20+ Studienrichtungen an 200+ Studienorten ab. Derzeit fokussieren wir uns auf den deutschsprachigen D/A/CH-Raum und verzeichnen bereits die ersten Erfolge wie zugesagte Praktikumsstellen, Stipendien, Auslandssemester, Festeinstiege und noch viel wichtiger: mentale Unterstützung und eine hilfsbereite Community über Slack.

Hat die Initiative Dein Interesse geweckt, Dich als Mentor/in oder als Schirmherr/in mit Deinem Netzwerk zu engagieren? Dann besuche uns gerne – bei Fragen steht Senik Dir jederzeit zur Verfügung.


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